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Apple zaubert das Internet weg

Apple zaubert das Internet weg

04.07.2012 Autor: Jürgen Siebert

 

Immer zum Erscheinen der aktuellen Printausgabe der PAGE: »Die Fundstücke« von Jürgen Siebert. Freuen Sie sich über kühne Kommentare zu Trends, Entwicklungen, Ereignissen und dem ganz normalen Alltagswahnsinn eines Kreativen ... Heute: »Big Player im Netz«


Wem gehört eigentlich das Internet? Also nicht die Kabel, die Server und die Inhalte ... Ich meine auch nicht die drei Kontrollorganisationen ISOC (Internet Society), W3C (World Wide Web Consortium) und ICANN (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers). Vielmehr denke ich an Big Player wie Facebook, eBay, Amazon, Yahoo oder Google.

 

Keines der genannten Unternehmen würde jemals zugeben, das Netz besitzen zu wollen, allenfalls beherrschen möchten sie es. Sie streben nach maximalem Profit und maximaler Kun­denbindung. Das ertragreichste Geschäftsmodell hat Google. Die Google Suche ist die tägliche Einstiegsdroge für Millionen Internetnutzer weltweit. Und damit sind ein gutes Dutzend belieb­ter Zusatzdienste verknüpft, angefangen von den user- oder ortsspezifi­schen Wer­beeinblendungen über Goo­gle Maps und Übersetzer bis hin zum Social-Media-Kanal Google+. Wer auch mit Google mailt, seine Fotos auf Pano­ramio hochlädt oder Videos auf You-
Tube, beides sind Google-Töchter, kann schon mal zu der falschen Annahme kom­men, das Netz sei in Googles Händen. Tatsächlich gehört das Netz allen, so wie die Luft, die wir atmen.

 

Seit einigen Jahren sägt ein Unternehmen an Googles Ast, das man gar nicht auf dem Schirm hat, wenn es ums Netz geht: Apple. Dabei betreibt der Computerhersteller weder eine Suchmaschine noch ein Foto- oder Videoportal. Trotzdem steht spätestens seit der jüngsten Keynote auf der Ent­wick­ler­konferenz WWDC in San Francis­co fest, dass Apple der schärfste Kon­kur­rent für Google werden wird.

 

Eigentlich startete die Apple-Keynote am 11. Juni ganz vergnüglich, mit einer Stand-up-Comedy von Siri. Ein iPhone begrüßte die 1000 Besucher: »Hallo und willkommen zur WWDC. Ich bin Siri, ihre virtuelle Assistentin, und wurde gebeten, das Publikum aufzuwärmen ... was kein Problem sein sollte, denn heute wird es 24 Grad warm.« Es folgte ein Tusch, serviert von einem iPad als Sidekick, der erste Lacher im Publikum. Das Grußwort erinnerte an die Premiere des Macintosh 1984, als der würfelförmige Rechner allein auf der Bühne stand und die Apple-Aktionäre mit mechanischer Stimme begrüßte: »Hallo, ich bin Macintosh.« Dann versetzte Siri der Konkurrenz hu­moristische Seitenhiebe. »Vom neuen Samsung bin ich total begeistert ... nicht dem Phone, dem Kühlschrank, hamham.« Lautes Gelächter im großen Saal des Moscone Center. Anschlie­ßend demonstrierte die Sprachassistentin, dass sie jetzt navigieren und die günstigsten Sushi-Restaurants in der Umgebung auflisten kann. »Die Jungs von Yelp wissen, wie man das richtig macht.« Yelp ist eine ortsbasierte Kundenbewertungsplattform, ein Konkur­rent von Google.

 

In den folgenden zwei Stunden zün­dete Apple ein Feuerwerk von Neuhei­ten. Jene, die mit Internet und mobilen Diensten zu tun hatten, sind deutlich gegen Google gerichtet: die eigenen Land­karten, die neue Ticket- und Bezahl-App Passbook, die Verbrüderung mit Facebook, App-Banner auf Websei­ten und nicht zuletzt Siri, die Apple zur sprachgesteuerten Suchmaschine ausbaut. Bald soll sie unter dem Etikett »Eyes Free« in den Fahrzeugen von Mer­cedes, Audi, BWM, Chrysler und fünf an­deren Automobilherstellern werkeln.
Seit dem Erscheinen der Steve-Jobs-Bio­grafie ist bekannt, dass der Apple-Grün­der zuletzt nicht mehr gut zu spre­chen war auf den einstigen Partner. Bei der ersten Vorstellung des iPhones im Januar 2007 holte Steve Jobs den da­ma­ligen Geschäftsführer Eric Schmidt noch auf die Bühne, um die tolle Inte­gra­tion von Google und Google Maps auf dem iPhone zu feiern. Schmidt saß zu der Zeit sogar im Apple-Auf­sichts­rat, aus dem er im August 2009 »we­gen Interessenkonflikten« ausschied.

 

Nur zehn Monate später kündigte Google ihr eigenes mobiles Betriebssystem Android an. Seitdem schwebten Gewitterwolken über der Freundschaft der beiden Unternehmer. Das gan­ze Ausmaß der Störung kam aber erst mit der Jobs-Biografie ans Licht. »Ich werde Android plattmachen, weil es ein geklautes Produkt ist (...) und wenn es zum Atomkrieg darüber kommt. Ich werde bis zum letzten Atem­zug dafür kämpfen und jeden Pen­ny von Apples 40 Milliarden-Dol­lar-Reser­ven dafür einsetzen, um das wieder ge­radezurücken.«

 

Steve Jobs war tief enttäuscht von der jüngeren Google-Strategie, die ihn an Microsoft erinnerte: zu viele Produkte, meist zusammengekauft, ohne unternehmerische Strategie und nur selten zum Nutzen der Anwender. Dagegen die Haltung von Apple: gute Pro­dukte entwickeln, die leicht zu bedienen sind. Der Erfolg dieser Philosophie kam spät, mit iPod, iPhone und iPad. Und auch die jüngsten Neuvorstellungen zeigen, dass Apple nicht wirklich einen Krieg gegen Google anzettelt, son­dern primär aus der Abhängigkeit herauswill und mit besseren Produkten »angreifen« möchte.

 

Der angesehene Technikjournalist John Gruber fasst den Status quo so zusammen: »Google hat einen Riesenfehler gemacht, im Mobilbereich gegen Apple zu agieren anstatt mit Ap­ple.« Die Statistiken scheinen das zu bestätigen. Google erwirtschaftete mit Android zwischen 2009 und 2011 rund 550 Millionen Dollar, was laut Berechnungen von Charles Arthur (»The Guardian«) nur einem Viertel der Umsätze entspricht, die das Unternehmen mit Lizenzeinnahmen aus Google Maps und der Mobile-Safari-Suche unter iOS verdient.

 

Apple zielt mit ihren Innovationen nicht auf Android (das ist eher ein Fall für die Anwälte), sondern möchte das In­t­ernet überflüssig machen: durch Siri, Apps und lokalisierte Angebote auf Ba­sis eigener Karten. Für den Erfolg dieser Strategie sprechen 365 Millionen verkaufte iOS-Geräte und 400 Millionen Store-Accounts mit hinterlegten Geldbörsen. Von dieser – wirtschaftlich relevanten – kritischen Masse können Facebook und Google nur träumen.

 


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