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CPU x Arbeit = 16 h

CPU x Arbeit = 16 h

05.12.2012 Autor: Jürgen Siebert

 

Immer zum Erscheinen der aktuellen Printausgabe der PAGE: »Die Fundstücke« von Jürgen Siebert. Freuen Sie sich über kühne Kommentare zu Trends, Entwicklungen, Ereignissen und dem ganz normalen Alltagswahnsinn eines Kreativen ... Heute: Die Bremse von morgen lauert in der Wolke.

 

Seit 28 Jahren arbeite ich täglich am Computer. Im Durchschnitt gönne ich mir alle zwei Jahre ein schnelleres Modell. Doch wird meine Geduld immer noch durch Wartezeiten auf die Probe gestellt: Ich fühle mich von der Maschi­ne ausgebremst. Ohne Frage habe ich während meines Berufslebens dank digitaler Rationalisierung enorm viel Zeit gewonnen ... beim Schreiben, Gestalten, Kommunizieren und Konsumie­ren. Indes scheinen höhere Ansprüche den Leistungszuwachs neuer Prozesso­ren gleich wieder einzukassieren. Mein Computer und ich schaffen nur selten 100 Prozent, gefühlt sind es 90 bis 95. Dauerhaft. Seit Jahren.

 

Meine Computerlaufbahn begann 1985 mit einem CP/M-­Schreibsystem einschließlich Drucker, das umgerechnet rund 1250 Euro kostete. Der Rechner verfügte über 256 Kilobyte RAM Hauptspeicher und ein 3-Zoll-Laufwerk, das auf jeder Diskettenseite 170 Kilobyte (= 0,17 Megabyte) Daten lesen und schreiben konnte. Ziemlich fortschrittlich zu jener Zeit: Rechner und Laufwerk waren im Monitorgehäuse untergebracht, ähnlich dem iMac, der 13 Jahre später herauskam. Es gab weder einen Ventilator noch eine Festplatte, also absolute Stille am Schreibtisch während des Arbeitens. Schnell war die Kiste auch, denn das 100 Kilobyte große Betriebssystem wurde nach dem Einschalten von der Diskette in das RAM geladen.

 

Ich schrieb anderthalb Jahre lang flotter als mit jeder Schreibmaschine davor. Ich musste keinen Text mehr ins Reine tippen, Kohlepapier war Schnee von gestern, und das Tipp-Ex-Fläsch­chen trocknete in der Schublade ein. Eigentlich konnte es für mich als Schrei­berling nicht mehr besser werden.
Ein paar Monate später saß ich bei PAGE in Hamburg an einem Apple Mac­intosh Plus mit 1 Megabyte RAM und einer externen 10-Megabyte-Festplatte. Die quietschte wie ein Ferkel, weswegen ich sie »Schweineplatte« taufte. Mein Bildschirm war kleiner als der grün-schwarze Vorgänger, lieferte allerdings schwarze Buchstaben auf weißem Grund. Noch mehr Augen­pulver: Er konnte Grafiken darstellen. Das Desktop-Publishing war geboren; zum Schreiben gesellte sich das Setzen von Textfahnen.

 

Die nächsten Jahre waren eine einzige Quälerei, weil die Leistung der Rechner immer den Wünschen der Sei­tenmacher hinterherhinkte. Nach dem Textsatz wollten wir Graustufenbilder bearbeiten und integrieren, danach Farbfotos. Während uns die Profis auslachten, übten wir uns in Geduld. Wir glaubten zu Recht an den Siegeszug des digitalen Publishings. Dafür wurden wir mit dem Anblick von Bomben (Absturz), Armbanduhren (Warten) und Sanduhren (in Arbeit) gefoltert.

Wie in einem Zeitlupenfilm mit wenig Handlung


Anfang der 1990er Jahre überholte das Computer-Publishing das tradi­tionelle. Setzereien und Reprobuden spiel­ten entweder mit oder mussten schließen. Parallel dazu saugte die büroweite Vernetzung der Arbeitsplätze die Power wieder auf, die die Computer gewonnen hatten. Große Dateien wurden im Team bearbeitet, man teilte sich einen Laserdrucker, bürointerne Nachrichten flossen durch das Netz, manche faxten sogar vom Arbeitsplatz ... alles ziemlich fortschrittlich, aber nur deshalb schneller, weil repetitive Prozesse wie Abtippen oder manuelle Korrekturen wegfielen. Gefühlt wähnte man sich in einem Zeitlupenfilm mit wenig Handlung. Ich sehnte mich nach meinem autarken Schreibarbeitsplatz anno 1985 zurück, ohne Netz und mit eigenem Drucker.

 

Der nächste Flaschenhals war das Internet. Je mehr es wuchs und uns bei der Arbeit half, umso schmerzhafter zehrten eingefrorene Browser, Anmeldeprozeduren, fette Bildda­tei­en oder Flash-Animationen an unserem Zeitkonto. Nach den bunten Bildern kamen Musik und YouTube dazu. Auch die Betriebssysteme wurden immer gefräßiger, weil sie mit 24 Bit Farbtiefe und gebürstetem Aluminium-Look vor Eitelkeit kaum laufen konnten.
Das weltweite Netz erleichterte den Zugriff auf Informationen ungemein. Wir versandten E-Mails, erledigten unsere Bankgeschäfte, luden uns Songs auf die Festplatte und sammelten Internet-Lesezeichen. Was irgendwann nerv­te: dass auf dem Rechner am Arbeitsplatz immer genau jene Mails, Fo­tos und Bookmarks nicht gespeichert waren, die uns am Abend zuvor daheim so viel Freude bereitet hatten. Die Arbeit an zwei Computern spaltete Datenbanken und Hirn gleichermaßen. Also schufen wir uns in der ersten Hälfte der 2000er Jahre einen Laptop als ständige Begleitung an. Der war inzwischen so leistungsfähig, dass man problemlos Grafikdesign da­rauf veranstalten konnte. Allerdings war Publishing schon längst keine datenintensi­ve Angelegenheit mehr, ver­gli­chen mit der Verwaltung unserer privaten Foto-, Musik- und Filmbibliotheken.


Die Bremse von morgen lauert in der Wolke


Nun sind wir im Jahr 2013 angekommen. Wird jetzt alles gut? Nicht unbedingt. Wir haben wieder mehr Gerä­-
te, Desig­ner mindestens drei: Rechner, Smartphone, Tab­let. Die Daten­ban­ken darauf – Adressen, Kalender, Fotos, Mails ... – wollen stets synchronisiert sein. Über die Cloud. Dazwischen füllen wir die gewonnene Zeit mit Internet-TV, Chats, Twitter, Facebook und Co, bis die Drähte glühen. In der Cloud. Softwarehersteller Adobe vermietet so­gar seine Publishingtools über seine Creative Cloud. Die Bremse von morgen lauert in der Wolke – jetzt, wo unsere Rechner endlich schnell genug sind.


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