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Die 10 größten Denkfehler im Kommunikationsdesign

Die 10 größten Denkfehler im Kommunikationsdesign

06.07.2011 Autor: admin

 

Immer zum Erscheinen der aktuellen Printausgabe der PAGE: »Die Fundstücke« von Jürgen Siebert. Freuen Sie sich über kühne Kommentare zu Trends, Entwicklungen, Ereignissen und dem ganz normalen Alltagswahnsinn eines Kreativen ... Heute: Eine Branche untergräbt ihre Glaubwürdigkeit ...

 

Haben Sie im Gespräch mit einem professionellen Fotografen schon mal einen Satz gehört wie »Die Qualität ist für meine Arbeit nicht so wichtig ... das sieht ja sowieso keiner.«? Oder hat Ihnen ein Handwerker angeboten: »Ich mach das nicht so gründlich, dafür wird es aber auch billiger.«? Es klingt reichlich absurd: In der visu­ellen Kommunikation werden genau diese Haltungen schon seit vielen Jahren »gepflegt«, und das sowohl aufseiten der Arbeitgeber als auch von Designern selbst. Und damit untergräbt eine Branche nicht nur ihre Glaubwürdigkeit, sondern scheint auch den Wert der eigenen Arbeit kaum noch zu verstehen.

 

Es ist nicht nachweisbar, wer zuerst am Selbstbewusstsein der Grafik-Designer knabberte. Waren es die Auftraggeber mit zynischen Kommenta­ren wie »Glauben Sie etwa, dass wir mit diesem Cover auch nur ein Buch mehr verkaufen werden?«? Vor wenigen Tagen vom Verlagsmanager Dr. Sven Fund (De Gruyter) auf der Bühne der Mainzer Corporate-Identity-Konferenz cxi 11 geäußert. Oder sind es die Designer gar selbst, die ihren Berufsstand aushöhlen, indem sie sich bereitwillig zu kos­tenlosen Pitches überreden lassen oder die leicht überhebliche Meinung vertreten: »Ich muss das nicht lesen, um es gut zu gestalten.«?

 

Wenn es das Fontblog nicht gäbe ... ich könnte solche Ansichten weder ein­fangen noch glauben. Mitte Juni ging es in einem Beitrag um gute und hässliche Supermarkttypografie, vor allem am Point of Sale. Da äußerte tatsächlich ein Designer in einem Kommentar die Meinung, dass Kunden sowieso nicht zwischen »Bockwurstdesign und professionellem Design« unterscheiden könnten. Nun, vielleicht können sie das wirklich nicht, aber sie werden es (unbewusst) empfinden – so wie wir auch einen guten Kinofilm von einem schlechten unterscheiden können, ohne jegliche Ahnung von Schnitt, Ausleuchtung und Regie zu haben. Nur wenige Tage später im gleichen Medium, bei der Vorstellung einer Exklusivschrift für den neuen Berliner Flughafen BER, hieß es wörtlich aus der Tas­tatur eines Designers: »Sind wir Deutschen wirklich so reich, dass wir uns für einen Flughafen einen eigenen Font leisten können/müssen?«

 

Ich meine: Nichts gegen Sparmaßnahmen, ökologisches Denken und das Hinterfragen von Aufträgen oder Bu­sinessritualen. Selbst wenn alle deutschen Grafiker von heute auf morgen den Griffel fallen ließen, würde kein Geld gespart, denn dann machen die Auftraggeber alles selbst und wir marschieren einem kommunikativen Baby­lon entgegen. Das wird richtig teuer. Die Debatte hat mich zu einem Format provoziert, mit dem US-Talkmas­ter im Stile eines Countdowns gerne ihr Publikum unterhalten, zum Beispiel: die zehn peinlichsten Frisuren auf dem roten Teppich in Los Angeles oder zehn Argumente, warum Sie morgen Ihren Facebook-Account löschen soll­ten. Ich machte mich also auf die Suche nach den zehn größten Denkfehlern im Kommunikationsdesign. Da ich erst zwei hatte, führte ich per E-Mail eine kleine Befragung unter erfahre­nen Designerfreundinnen und -freunden durch. Und siehe da: In drei Tagen war das Dutzend voll.

 

Nach ein wenig Kürzen und Zusammenfassen, kam ich auf genau zehn Vorurteile. Nachfolgend meine Liste, jeweils darunter ein oder zwei Zitate von Auftraggebern, die viele Leser sicher schon mal gehört haben. Nur: Hören heißt nicht annehmen. Besser ist es, zu widersprechen und das Eintreten für den Wert der eigenen Arbeit zu trainieren. Und darum mein Ratschlag beziehungsweise die Aufgabe bis zum Jahresende: Wer von den zehn fett gedruckten Aussagen maximal drei mit Ja beantworten würde, darf zwar weiter arbeiten, muss aber noch mal auf die Schulbank. Zum Beispiel um die Arbeitsthesen von Edenspiekermann auf deren Website zu studieren. Oder um ein Fachbuch zu lesen wie »Sicher auftreten. So überzeugen Sie Ihre Kunden«. Alle anderen ... nun ja, wollen wir jetzt nicht so hart urteilen.

 

10 Ideen kosten nichts, nur deren Umsetzung. »Kein Briefing: Wir wollen den Prozess absichtlich offen halten.« »Zur Ideenfindung veranstalten wir einen Pitch mit drei Designbüros.«

 

9 Die Digitalisierung hat Design schnell und einfach gemacht. »Ihr habt doch Computer dafür.« »Kann man nicht mal schnell die Schriftart ändern?«

 

8 Der zweite, dritte, vierte Vorschlag ist besser als der erste. »Können wir noch ein paar Alternativen sehen?« »Wir lassen das mal durch die Abteilungen gehen.«

 

7 Designer sind Lieferanten. »Schicken Sie die Entwürfe in unser Sekretariat.« »Liefern Sie uns bitte noch die InDesign-Dateien.«

 

6 Gute Gestaltung ist teuer. »Wir entwickeln das dann intern weiter.« »Wir haben da eine Studentin, die macht das fertig.«

 

5 Visuelle Gestaltung muss man nicht lernen. »Jeder Mensch ist kreativ.« »Ich hab mir das schon mal von meinem Sohn bauen lassen.«

 

4 Ich muss das nicht verstehen, um es gut zu gestalten. »Machen Sie das mal schön!« »Am Inhalt wollten wir eigentlich nichts mehr ändern.«

 

3 Für Kult(ur)marken arbeite ich gerne umsonst. »Mit diesem Job können Sie richtig gut Werbung für sich machen.« »Die Leute stehen Schlange für diesen Auftrag.«

 

2 Der Auftraggeber hat immer recht. »Wir wissen, wie unsere Kunden ticken.« »Das verstehen unsere Kunden nie.«

 

1 Eine bessere Qualität bemerkt sowieso niemand. »Glauben Sie etwa, dass wir mit dem neuen Cover ein Buch mehr verkaufen als mit dem alten?« »Warum braucht eine Unternehmen eine exklusive Schrift – geht’s uns so gut?«


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