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Schweizer Designgeschichte: Grenzenlos funktional

Schweizer Designgeschichte: Grenzenlos funktional

25.01.2012 Autor: Wiebke Lang

 

Barbara Junod, Leiterin der Grafiksammlung am Museum für Gestaltung Zürich und Co-Kuratorin der Ausstellung »100 Jahre Schweizer Grafik« (10. Februar bis 3. Juni 2012, Museum für Gestaltung Zürich) über die Geschichte des Schweizer Kommunikationsdesigns und seine Stellung im internationalen Design heute.

 

Für den Wandel der grafischen Disziplinen sind in der Schweiz ebenso wie in anderen Industrienationen beruflich-technische, politisch-ökonomische und geschmacksbildende Faktoren verantwortlich. 
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es den Beruf des Grafikers noch nicht. Die Plakate wurden häufig von Künstlern gestaltet, sogenannten Maler-Grafikern, die sich ihr tägliches Brot mit Auftragsarbeiten verdienten. Bücher und Drucksachen wurden von Berufsleuten – Setzern, Druckern und Buchbindern – in handwerklichen und mechanischen Betrieben angefertigt. Die Namen der einzelnen Gestalter blieben – abgesehen von den Künstlerbüchern – oft unbekannt.
Erst gegen Ende des ersten Weltkriegs begann man an den Schulen Grafiker auszubilden; so beispielsweise an der Kunstgewerbeschule Zürich. Dort lehrte ab 1918 Ernst Keller, aus dessen Unterricht später etliche bekannte Grafiker hervorgingen wie Richard Paul Lohse oder Armin Hofmann.

Während des ersten und zweiten Weltkriegs suchten viele gut ausgebildete Künstler und Gestalter aus den benachbarten Ländern Zuflucht in der Schweiz. Als Überlieferer der in politische Missgunst geratenen Moderne waren sie an der Herausbildung eines 'Schweizer Stils' (Raster-Layout, serifenlose Schrift, asymmetrische Komposition) maßgeblich mitbeteiligt. Genannt seien hier der deutsche Typograf Jan Tschichold, Verfasser der wegweisenden Publikation »Die neue Typographie« von 1928 und der deutsche Fotograf Anton Stankowski, Meister der Fotomontage.

 

Tschichold floh 1933 nach Basel und etablierte sich dort als Gestalter und Lehrer an der hiesigen Gewerbeschule, Stankowski zog nach Zürich, wo er 1929 seine Arbeit bei der Werbeagentur von Max Dalang aufnahm und die Fotomontage einführte. Für diese erste Schweizer Agentur nach amerikanischem Vorbild arbeiteten auch die beiden Maler-Grafiker Richard Paul Lohse und Alois Carigiet. Lohse wurde später bekannt für seine streng konstruktive Fotografik, Carigiet für seine malerischen Tourismus-Plakate und Schellenursli-Kinderbücher.

In der Folge bildeten sich Basel und Zürich als Zentren der Schweizer Grafik heraus: die sog. Basler Schule um Armin Hofmann und Emil Ruder, und der Zürcher Zirkel um Lohse, Josef Müller-Brockmann, Hans Neuburg und Carlo Vivarelli. Die beiden Zentren konkurrierten in den 1950er und 1960er Jahren aufs Heftigste. In der Wahrnehmung des Auslands aber wurde deren Grafik einfach als »Swiss Style« wahrgenommen.
Vor allem in den USA fand der »Swiss Style« ab den 1960er Jahren großen Anklang. Der »clean cool look« eignete sich hervorragend für die Gestaltung von 'seriösen' Erscheinungsbildern international operierender Konzerne wie beispielsweise IBM oder Geigy. Die gute Lesbarkeit der funktionalen Typografie, u.a. die Helvetica von Max Miedinger und die Frutiger, eignete sich ebenso gut für die Ausschilderung von U-Bahnen (im Subway New York mit der Helvetic von Massimo Vignelli) wie für die Signaletik auf Flughäfen (etwa im Flughafen Charles de Gaulle Paris von Adrian Frutiger).

Im Bereich der langlebigen Orientierungssysteme ist das funktionale Erbe der Schweizer Grafik bis heute hochaktuell. Die Werbung hingegen, die kurzlebigen Moden und Trends unterworfen ist, hat seit Mitte der 1960er Jahre einen enormen Wandel durchgemacht. Nicht nur in ihrer Organisationsform, den Agenturen, die seither wie Pilze aus dem Boden schiessen, auch in ihrem visuellen Ausdruck, der – US-amerikanischen und britischen Trends folgend – dem Geschmack der Massen und des Pop verpflichtet ist.
Natürlich gibt es auch immer Gegentrends: Werbung für die Kultur, aufwändig und sorgfältig gestaltete Plakate und Flyer von Idealisten für Idealisten. Auch im Bereich der Technik sind solche Gegentrends auszumachen. Die seit einigen Jahren neu entdeckte Vorliebe für das Handwerkliche, die sich gegen die vereinnahmende Digitalisierung und Austauschbarkeit der Grafik, gegen deren universelle Nivellierung auflehnt.

 

Beträchtlich sind denn die technischen Veränderungen, welche die grafische Produktion und Gestaltung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt haben: Vom jahrhundertelang bewährten Bleisatz zum Fotosatz der 1960er Jahre zur digitalen Revolution ab Mitte der 1980er Jahre. Heute rücken benutzerfreundliche Schriftgestaltungs-und Layout-Programme sowie Desktop-Publishing das grafische Gestalten und Produzieren in die Reichweite von allen, die sich damit auseinandersetzen möchten – Profis und Amateuren.
 
Gibt es heute noch ein typisch Schweizerisches Grafikdesign? Gestalterinnen und Gestalter bewegen sich und arbeiten grenzüberschreitend, da wird alles hybrider. Es gibt verschiedene Moden, die kommen und gehen; ein Schweizerischer Stil ist hier schon gar nicht auszumachen. Die weltweit identischen Tools bringen eine gewisse gestalterischer Nivellierung mit sich, die aber immer wieder von engagierten Gestaltern und Gruppierungen durchbrochen wird, zum Beispiel mittels medienübergreifender, formal-technischer Experimente.
Doch wie Robin Kinross, britischer Verleger und Kenner der Schweizer Buchkunst, vor wenigen Jahren äusserte, erwartet man beispielsweise noch heute vom Schweizer Buch eine solide und saubere Herstellung, eine angenehme und gut lesbare Gestaltung des Satzes. Er, der Außenstehende, schätze das Ideal einer soliden gewerblichen Praxis, die er bei der Schweizer Buchgestaltung immer noch spüre.

 

 


 

Mehr zu diesem Thema erfahren Sie in der PAGE Ausgabe 03.2012, die ab 01.02.2012 erhältlich ist.

 

Barbara Junod im Video-Interview der Reihe »Gestalter im Gespräch« von A5+.

 


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