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Im Gespräch: Jürgen Weltin

Im Gespräch: Jürgen Weltin

22.11.2010 Autor: Antje Dohmann

 

 

Die Finnegan, eine der bekannten Schriften von Jürgen Weltin, kam unter anderem auf den Wickie-CDs zum Einsatz.

 

 

 

 

Jürgen Weltin studierte Kommunikationsdesign in Würzburg und am College Bournemouth & Poole in England. In seinem Büro im bayerischen Pullach entstehen hochwertige Schriften und Logotypes.

 

 

www.typematters.de

 

 

Sie haben beim Granshan 2010 mit der Mantika Sans den dritten Platz bei den griechischen Textschriften gewonnen. Ist das eine besondere Auszeichnung, weil Sie ja eigentlich im lateinischen Schriftsystem zu Hause sind?

In der Tat habe ich mich über diese Auszeichnung ganz besonders gefreut, da es meine erste griechische Schrift überhaupt war. Und die Freude an einer neuen Herausforderung während der Arbeit daran scheint sich doch so auf das Ergebnis übertragen zu haben, dass sie diese Anerkennung erlangt hat.

 

 

Mit der Mantika Sans gewann Jürgen Weltin beim Granshan 2010 den dritten Platz bei den griechischen Textschriften

 

 

Erzählen Sie ein bisschen über die Mantika Sans, hat sie etwas mit der Mantika Informal zu tun?

Wie der Name schon verrät, bestehen zwischen den beiden verwandtschaftliche Verhältnisse. Und beide sind Teil einer größeren Familie, die noch am Wachsen ist. Die Mantika Sans, die es auch bald bei Linotype zu kaufen gibt, ist ursprünglich aus einer Serifenschrift entstanden, die ich vor Jahren gleichzeitig mit meiner anderen Sanserif Agilita entwarf. Den Ausbau jener Serifenschrift musste ich hintenanstellen, bis Agilita fertig war. Dann hat es mich aber erst gereizt, daraus wiederum eine neue Sanserif zu entwickeln, und dabei ist das Konzept entstanden für eine Schriftsippe, bei der wir noch mehr Mitglieder aus dem Hause Mantika kennenlernen werden. Die Mantika Informal habe ich als erstes vorgestellt, sie ist eine Variation der Kursiven aus der Mantika Sans. Ich versuchte mit etwas anderen Proportionen, einer leicht veränderten Strichführung und anderen Zeichenformen daraus eine eigenständige und eben informelle Schrift entstehen zu lassen, unter anderem mit der Idee im Hinterkopf, eine schöne Schrift für Leseanfänger zu gestalten. Die Mantika Sans ist mehr ein gutes Arbeitspferd, mit ihren vier Schnitten (die dicktenkompatibel sind) ist sie auch im Hinblick auf den Einsatz im Office-Bereich gestaltet.

 

 

Die Mantika Informal ist eine Variation der Kursiven aus der Mantika Sans und bei Linotype erhältlich

 

 

Wie gestaltet man als Deutscher eine griechische Schrift? Wie viel Unterstützung braucht man von griechischen Designern?

Ich kenne bislang leider keine Griechen persönlich. Für meine griechische Schrift habe ich keinerlei Hilfe von außen herangezogen, sondern habe mir alte griechische Schriften angeschaut und sie vor allen Dingen mit neueren verglichen. Dabei habe ich versucht, zu erkennen, worauf es beim griechischen Alphabet ankommt. Da ich sehr gerne Kursiven zeichne, fühlte ich mich auch gerne in das Formgefüge der griechischen Kleinbuchstaben ein, die noch viel mehr geschriebene Formen in sich tragen, als wir das von ihren lateinischen Nachkommen kennen.

 

Sie haben bei The Foundry gearbeitet und danach bei Stankowski + Duschek. Was haben Sie bei diesen beiden Branchengrößen gelernt? Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Büros?

Der Unterschied konnte größer kaum sein: von einer kleinen Schriftenschmiede zu einem (auch kleinen) Corporate Design Büro. In letzterem hat sich die Typografie auf 3-Spalten-Layouts beschränkt, wahlweise in Akzidenz-Grotesk, Helvetica oder Univers gesetzt. Aber beide Büros waren prägend für mich und in beiden habe ich viel gelernt. Bei David Quay und Freda Sack, die meine erste Schrift Finnegan gern in ihre Bibliothek aufnehmen wollten, habe ich durch die so unterschiedlichen Schriftdesigns, die ich dort in sehr kurzer Zeit gemacht habe, und aus dem was man im Englischen Lettering nennt, viel Erfahrung gesammelt, wovon ich heute noch profitiere. Und vor allem einiges rund um Schriften entdeckt, was man hierzulande kaum wahrnimmt. Bei Stankowski + Duschek spielte Typografie überhaupt keine Geige, aber das war mir bewusst und gerade das reizte mich. An Stankowskis Arbeiten faszinierte mich vor allem, seine Fähigkeit zu finden – vereinfachen – versachlichen – vermenschlichen. Im Prozess der Zeichenentwicklung, die das Büro berühmt gemacht hat, habe ich für mich Erkenntnisse gewonnen, die mich auch jetzt noch in meiner Arbeit begleiten und wo ich durchaus Parallelen zur Typografie sehe. Ich wollte nicht nur in der kleinen Welt des Schriftdesigns eingeschlossen sein, sondern mich hat die Disziplin Corporate Design schon immer interessiert.

 

Die Ursprünge der Finnegan gehen auf Jürgen Weltins Diplomarbeit zurück. Kaufen kann man die gut ausgebaute Schrift bei Linotype

 

 

Heute sind Sie selbständig, was macht den größten Teil Ihrer Tätigkeit aus: Typedesign, Grafikdesign, Corporate Fonts?

Das ist phasenweise immer ganz unterschiedlich. Im Allgemeinen zum größeren Teil sicherlich Typedesign und Corporate Fonts, im Moment aber sehr viel Wortmarken. Und welcher Teil macht Ihnen am meisten Spaß? Da habe ich nicht wirklich Präferenzen. Allermeistens habe ich das Glück, dass mir alle Arbeiten Spaß machen. Wenn ich sehe, dass das Ergebnis am Ende funktioniert, die Auftraggeber hochzufrieden sind, die Abnehmer meiner Schriften sich freuen, habe ich den größten Spaß immer gerade an der aktuellen Aufgabe. Wenn ich hauptsächlich mal gerade nur Schriften mache, freue ich mich zwischendrin auf ein Grafik-Design Projekt, bei dem auch einmal wieder Farbe ins Spiel kommt. Und umgekehrt, wenn aus den immerschwarzen Buchstaben ein funktionierender Font wird, mit dem man arbeiten kann.

 

Welches war bislang Ihr großartigstes Projekt?

Großartigst beim Wort genommen, meine letzte Schriftfamilie Agilita mit ihren 32 Schnitten. Dann sicherlich die Schrift Yellow, die ich für The Foundry entwickelt habe. Eine Corporate-Schrift für die britischen Yellow Pages, mit der es gelungen ist, nicht nur die Lesbarkeit der Telefonbücher erheblich zu verbessern, sondern auch durch ihren geringen Platzbedarf mehr Information auf der Zeile unterbringen zu können, als das vorher der Fall war, und somit Tonnen an Papier einzusparen. Die Begeisterung der Druckfachleute bei Yellow Pages zu sehen, als sie dies erkannten.

 

Die umfangreiche Familie Agilita gehört zu den Großprojekten von Jürgen Weltin

 

 

 

Für die britischen Yellow Pages gestaltete Jürgen Weltin eine Corporate-Schrift, die die Lesbarkeit der Telefonbücher erheblich  verbessert


 

Welche Ihrer Schriften ist ihr Lieblingsfont?

Das ist so wie zu fragen, welches seiner Kinder man am liebsten hat! Ich habe mich bei allen Kindern und Schriften angestrengt und freue mich zu sehen, wie sie Fortschritte machen, selbständig und größer werden, sich in der Welt behaupten. Ob das die erste Schrift ist, die ich jetzt immer mehr sehe, ob das die »gelbe« Schrift ist, die in Großbritannien gern gesehen ist, oder ob das die noch neuen sind, die man liebt, weil sie noch so »klein« sind und man nicht weiß, wo und wie sie gesetzt werden.

 

Welchem deutschen Unternehmen oder welcher Behörde würden Sie gerne eine neue Hausschrift gestalten?

Zunächst würde ich gerne flächendeckend die schablonenhaft-konstruierte DIN-Schrift verbannen. Dann gibt es noch viele Unternehmen, die man von der Helvetica befreien muss, auch wenn das mein Lizenzgeber vielleicht nicht so gerne hört. Nein, im Ernst, es hört sich bestimmt sehr verlockend an, mit seiner Arbeit den größtmöglichen Verbreitungsgrad zu erreichen. Ich möchte auch gern dort gestalterisch eingreifen, wo sich jemand wirklich mit einer Schrift als Teil seines Erscheinungsbildes identifizieren will, egal wie groß. Wo Schrift nicht nur ein zusätzliches Marketinginstrument ist, sondern Teil einer Kultur, zu der man steht. Eine Schrift, die Kommunikation verbessert, sei es durch ihre Lesbarkeit (zum Beispiel im öffentlichen Raum), ihre Funktionalität oder durch ihre Ausstrahlung und Anmutung. Ein konkretes Objekt hätte ich dann doch im Visier: die deutschen Schulbücher, insbesondere für die Grundschule. Dort setzt man die Kinder qua Verordnung der – na, was wohl? – Helvetica aus. Eine Zumutung, wenn man bedenkt, dass Leseanfänger leicht Buchstaben verwechseln. Und Helvetica ist eben nicht differenzierend genug in ihrer Einfachheit. Gerade für Verlage würde ich gerne etwas tun, und Schriften für Magazine oder für einen Fahrradhersteller entwerfen.

 

Was würden Sie in Zukunft gerne noch tun?

Möglichst viel unterschiedliches: vielleicht noch mehr Schriften für andere Kulturkreise. Den Bereich Logotypes finde ich sehr spannend und interessant. Schriftbilder in den öffentlichen Raum und in die Landschaft stellen. Ein Radrennen für Typografen veranstalten!


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